Jedes Kind glaubt an den Weihnachtsmann, der kommt und Geschenke bringt, wenn man ein braves Kind ist. Auch ich glaubte daran, bis ich alt genug war…
Bei meiner vier Jahre jüngeren Schwester lief das etwas anders ab. Mit sieben glaubte sie immer noch fest an den Weihnachtsmann. Sie war stolz ein gutes und braves Mädchen gewesen zu sein und freute sich dafür Geschenke zu bekommen.
Als die Tage nahten, konnte ich es nicht mehr mitansehen. Ich konnte ihr Leben nicht auf einer Lüge basieren lassen. Sie musste die Wahrheit erfahren. Ich ging zu ihr und sagte: “Es gibt keinen Weihnachtsmann!” Sie schaute überrascht zu mir auf und antwortete: “Doch! Von ihm kommen die Geschenke.” Ich konnte es nicht verstehen. Wie konnte sie nur so sehr an ein “Märchen” glauben? Dann sagte ich mit all meiner Überzeugungskraft: “Du spinnst! Wie kannst du nur glauben, dass da wirklich ein fremder Mann in rot kommt und dich beschenkt? Das sind unsere Eltern! Die erfahren von dir was du dir wünschst und das bekommst du.” Sie war über meine Aussage so durcheinander, das sie zu weinen begann und immer noch entschlossen sagte, dass es den Weihnachtsmann ja doch gebe und ich es ihr nur ausreden wolle. Sie gab nicht auf und hielt an ihrem Glauben fest, bis sie eines Tages alt genug war.
Die achtjährige Virginia O`Hanlon aus New York wollte es 1897 ganz genau wissen. Darum schrieb sie an die Tageszeitung “Sun” einen Brief.
„Ich bin acht Jahre alt. Einige von meinen Freunden sagen, es gibt keinen Weihnachtsmann. Papa sagt, was in der ,Sun’ steht, ist immer wahr. Bitte, sagen Sie mir: Gibt es einen Weihnachtsmann?”
Virginia O’Hanlon
Die Sache war dem Chefredakteur so wichtig, dass er seinen erfahrensten Kolumnisten, Francis P. Church, beauftragte, eine Antwort zu entwerfen – für die Titelseite der „Sun”.
„Virginia, deine kleinen Freunde haben nicht Recht. Sie glauben nur, was sie sehen; sie glauben, dass es nicht geben kann, was sie mit ihrem kleinen Geist nicht erfassen können. Aller Menschengeist ist klein, ob er nun einem Erwachsenen oder einem Kind gehört. Im Weltall verliert er sich wie ein winziges Insekt.
Solcher Ameisenverstand reicht nicht aus, die ganze Wahrheit zu erfassen und zu begreifen.
Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiss wie die Liebe und Großherzigkeit und Treue. Weil es all das gibt, kann unser Leben schön und heiter sein.
Wie dunkel wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe! Es gäbe dann auch keine Virginia, keinen Glauben, keine Poesie – gar nichts, was das Leben erst erträglich machte. Ein Flackerrest an sichtbarem Schönen bliebe übrig. Aber das Licht der Kindheit, das die Welt ausstrahlt, müsste verlöschen.
Es gibt einen Weihnachtsmann, sonst könntest du auch den Märchen nicht glauben. Gewiss, du könntest deinen Papa bitten, er solle am Heiligen Abend Leute ausschicken, den Weihnachtsmann zu fangen. Und keiner von ihnen bekäme den Weihnachtsmann zu Gesicht – was würde das beweisen?
Kein Mensch sieht ihn einfach so. Das beweist gar nichts. Die wichtigsten Dinge bleiben meistens unsichtbar. Die Elfen zum Beispiel, wenn sie auf Mondwiesen tanzen. Trotzdem gibt es sie.
All die Wunder zu denken – geschweige denn sie zu sehen -, das vermag nicht der Klügste auf der Welt.
Was du auch siehst, du siehst nie alles. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach den schönen Farbfiguren suchen. Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter. Warum? Weil es einen Schleier gibt, der die wahre Welt verhüllt, einen Schleier, den nicht einmal die Gewalt auf der Welt zerreißen kann. Nur Glaube und Poesie und Liebe können ihn lüften. Dann werden die Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal zu erkennen sein. ,Ist das denn auch wahr?’ kannst du fragen. Virginia, nichts auf der ganzen Welt ist wahrer und nichts beständiger.
Der Weihnachtsmann lebt, und ewig wird er leben. Sogar in zehn mal zehntausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.
Frohe Weihnacht, Virginia.
Dein Francis Church.”
An meine liebe Schwester,
ich möchte mich bei dir wegen damals entschuldigen. Ja, es gibt einen Weihnachtsmann. Genauso, wie es Feen und Engel gibt, von denen wir Träumen und die wir sogar manchmal sehen können. Vielleicht in einer ganz anderen Gestalt, wie wir sie uns nicht vorgestellt hätten. Manchmal ist es nur ein Gefühl der Freude oder des Glücks, wenn sie sich in unserer Nähe befinden und manchmal ist es ein lieber Mensch dem wir begegnen.
Ich möchte, dass du auch weiter in deinem Leben an den Dingen fest hältst, an die du glaubst und die du wichtig findest. Lass dich von keinem Menschen, auch nicht von mir, von deinen Träumen und Zielen abbringen!
Ich wünsche allen eine schöne und besinnliche Weihnachtszeit!